Samstag, 11. August 2007

JAUJA: Eine Landschaft für van Gogh

Hier ein paar Eindrücke meiner letzten einwöchigen Urlaubsreise nach Jauja in die Sierra auf 3.410 m und ca. 250 km von Lima entfernt.

Besonders faziniert haben mich zwei Landschaften: Die Gegend um Tunanmarca mit ihrer Kulturlandschaft, einem Felder-Flickenteppich, sowie Janchiscocha eine abgelegene Bergregion auf über 4.000 m mit einer Reihe Bergseen.

TUNANMARCA

Eine offene Kulturlandschaft mit viel Weite, Braun-, Gelb- und Rottönen im Überfluss, blauer Himmel, unbestellten Feldern, umgepflügte Böden, Geruch nach abgeernteten Feldern...

Die alten Ruinen von Tunanmarca


Braune und gelbe Böden wie ein Bild von Van Gogh


JANCHISCOCHA
-DIE SIEBEN SEENLANDSCHAFT-

Eine einsame fast unberührte Landschaft, verschlossen wie die einsamen Bauern die dort Leben, ein bisschen unheimlich, metallisch rot-grün-gold...

Einsame Landschaft mit einsamen Gehöften auf unserem Weg

GESTEINE


PFLANZEN


ERDEN: LILA; LILA

So streunen wir eine Woche jeden Tag ein bisschen durch diese farbintensiven Landschaften und diese unglaubliche Weite und die Schönheit von Landschaft überwältigt mich.

Ein Wehrmutstropfen bleibt ....
Bei aller Schönheit dieser Landschaft bleibt ein Wehrmutstropfen. Das Tal durch die der Fluss Mantaro fließt, ist hochgradig durch die Minenarbeiten (Kupfer und Bleischmelzwerk) in La Oroya verseucht. Es gibt eine Studie mit Blutuntersuchungen der Kinder, die in der Region alle überhöhte Bleiwerte aufgewiesen. Die Folgen sind überhöhte Krankheitsraten wie Krebs in dieser Gegend.

Der Präsident Alan Garcia hat vor kurzem der Bevölkerung versprochen den Fluss zu renaturieren. In vier Jahren will Garcia als Beweiß durch den Fluss schwimmen. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht, wie 1988 der damalige Umweltminister Klaus Töpfer bei seiner Rhein-Sauber-Schwimm-Aktion, im Neoprenanzug schwimmen muss.

WONG: Mein Peru- Kultur-Barometer

Warum schreibe ich einen blog über einen Supermarkt? Wong ist ein kein x-beliebiger Supermarkt, Wong ist ein außergewöhnlicher, dienstleistungsorientierter Supermarkt wie man ihn hier in Lima nicht noch mal findet und darüber hianus mein Peru-Kultur-Barometer.

Wong mein „Nachbar“, den ich fast täglich besuche, sei es für einen Liter Milch, Brötchen, Kaminholz oder Ritter Sport Schokolade bei kleineren oder größeren Suchtanfällen. Darüber hinaus kann man dort Konzert-Karten kaufen, einfache Briefe verschicken, Fotos ausdrucken und, und, und…. Wong kann (fast) alles.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte des Supermarktes 1942, als Erasmus Wong, Chinese, einen kleinen Supermarkt in San Isidro (Stadtteil von Lima) eröffnet hat. Heute kann man seine Supermarktkette als kleines Imperium hier in Lima bezeichnen. Die Familie Wong besitzt inzwischen 12 WONG-Supermärkte und darüber hinaus 22 Metro-Märkte, 7 "Eco Almacen", 2 "American outlet" und ein Centro Comercial im Plaza Lima Sur. So wurde aus dem Familienunternehmen ein mittelständisches Unternehmen mit einem gewissen Vorzeigeeffekt. Wong verfolgt in seinen WONG –Filialen nicht das klassische Prinzip „Geiz ist geil“, sondern setzt auf Kundenservice und ein reichhaltiges Angebot.

Die Mitarbeiter
Schon der Eintritt in den Supermarkt läst einen staunen. Eine Herrscharr von jungen Mädchen und Jungs, alle in roter Uniform wuseln vor sich hin. Die Jungs mit einem Käppi und die Frauen alle mit dem gleichen Dutt und exakt dem gleichem Make-up. Alle sind auf kundenfreundlichkeit trainiert. Ich habe noch nie einen unfreundlichen Mitarbeiter bei Wong getroffen, egal wie genervt oder unfreundlicher der Kunde war. Das ist in der Dienstleistungswüste Lima außergewöhnlich.

Eintüt-Schlepp-Service
Besonders interessant ist aber die amerikanischeDienstleistung -Eintüt-Schlepp-Service-Mentalität. Das ging am Anfang natürlich gar nicht und ich habe immer alles in meinen Rucksack gepackt. Inzwischen gibt es Tage an denen ich mir gerade zu genüsslich alles einpacken lasse. Das Obst in eine Tüte und die Milchtüte auf jeden Fall separat, sie könnte sonst die Zeitung in der gleichen Plasikttüte kontaminieren und das möchte ich natürlich auf gar keinen Fall. Und letztens habe ich es sogar geschafft mich nach Hause begleiten zu lassen und mir einen 20 l Kanister Wasser und 10 kg Holz (das habe ich getragen) in die fünfte Etage meines Hauses ohne Aufzug schleppen zu lassen. Ich war fast ein bisschen Stolz, irgendwie kostet es mich Überwindung mich auf soviel Service ein zu lassen.

Schlemmerparadies bei seichter aber echter Klaviermusik
Zu den Stosszeiten plätschert einem beim Eintritt schon Klaviermusik entgegen. Dazu läuft eine Heerschar von Mädels mit Tabletts und Probierhäppchen durch den Markt: Joghurt, Käse, Nudeln, Wein etc. Und die Limeñ
os lieben diesen Service, zumindest die reichere Oberschicht, den einkaufen bei Wong ist nicht das billigste Vergnügen. Aber es gibt auch keinen Supermarkt der diesen einzigartigen, Schlemmer- Probier, Tüten- Schlepp und Vielfalts -Angebot zu bieten hat. Wo sonst bekommt man deutschen Hefeweizen inklusive Originalgläser?

Wie kommt man an seine erste Pfandflaschen?
Erwähnenswert wäre allerdings noch die Pfand-Geschichte. Man kann im Wong Pfandflaschen kaufen und diese dort auch wieder abgeben. Soweit so gut. Aber was macht man, wenn man ein Bier kaufen möchte und noch keine Pfandflasche hat. Ehrlich gesagt hat man ein Problem. Denn trotz aller Service-Orientierung bleiben die Verkäuferinnen an der Kasse hart: Ohne Pfandflasche keine neue Flasche. Es hat schon mehreren Ausländern Diskussionen gekostet, das Argument :
„aber woher soll ich denn dann eine leere Flasche herzaubern“, zählt kein bisschen und läst die Kassiererin kalt, natürlich mit einem bedauerlichen aber sehr freundlichen Lächeln. Die Diskussion ist nicht zu gewinnen, aber dafür gibt es ja noch meinen Kiosk gegenüber, der kann das interessanterweise auch so.

Vorreiter im Recyling
Unerwähnt sollte in diesem Zusammenhang aber nicht bleiben, dass WONG Vorreiter in Sachen Recycling ist. Hier können Batterien, Glas, Plastik und Papier abgegeben werden. Das kommt meiner deutschen Trennkultur natürlich sehr entgegen. Wong ist ein echter Luxus-Supermarkt, aber auch Vorreiter in Sachen Umwelt.

Mein Lima-Peru Barometer
Wong ist für mich mein Lima-Peru Barometer. Es gibt Tage da kann ich es nicht ertragen das jemand hinter mir steht, meinen Einkaufswagen ausräumen will, alles in 10 Tüten packt und auch die ewig gleiche Frage Boleata o Factura kann mich aus dem Gleichgewicht bringen. Der Genervheitsgrad in einer anderen Kultur zu leben gehen dann gleich 100%, das Baraometer steht auf schlechtem Wetter. An anderen Tagen hingegen finde ich es Klasse und uch 10 Plastiktüten können mich nicht aus der Ruhe bringen. Das Kulturbarometer steht auf schön!

Samstag, 21. Juli 2007

Fiestas Patrias: Festlichkeiten zur Unabhängigkeit

Fiestas Patrias werden die Nationalfeiertage zum Gedenken an den Tag der Unabhängigkeitserklärung am 28. Juli 1821, durch den Befreier Jose de San Martin genannt. Den ganzen Monat Juli finden bereits Festlichkeiten statt und an allen Häusern werden auf staatliche Verordnung hin die Fahnen gehisst. Das Bild zeigt einen Aufruf dazu: "Wir respektieren dich peruanische Fahne".

Auch in den Schulen und Kindergärten finden Feste zum Unabhängigkeitstag statt. Heute habe ich dann einen Einblick in die Festlichkeiten des Kindergartens "Casa Belen", in dem ich seit Anfang des Jahres nebenbei im Vorstand arbeite, bekomme. "Casa Belen" ist ein Sozialprojekt der evangelischen-deutschen Kirchengemeinde, gegründet in Breña, einem Armenviertel Limas.

In den letzten Wochen hat man sich im Kindergarten bereits intensiv auf das Fest vorbereitet. In den einzelnen Gruppen wurden die Landstriche: Costa (Küste), Selva (Regenwald) und Sierra (Gebirge) besprochen. Höhepunkt des Festes selber waren die Tänze aus den verschiedenen Regionen des Landes. Und ich habe es sehr genossen, die kleinen bunten Darbietungen, die mich mal wieder daran erinnert haben welches Glück ich habe ein anderes Land kennen zu lernen. Hier ein paar Eindrücke:

CARNAVAL DE ARAPA (SIERRA)

CARNAVAL DE CUZCO (SIERRA)

CARNAVAL DE ANACONDA (SELVA)


CARNAVAL DE CAJAMARCA

DANZA DE PUNO: TUNTUA
Jeder Tanz hat einen kulturellen Hintergrund, wie die Tuntua, die ein typischer Tanz der Sklavenarbeiter aus der Region Puno ist. Trotz genügend kulturellem-arbeitsfrust macht dieses bunte Land mit seinem gesunden Nationalstolz weiterhin Lust auf mehr!

Informelle Arbeiten

Da stand es doch diesen Monat schwarz auf weiß in der Zeitung: Peru steht an fünfter Stelle der Länder mit der höchsten Quote am informellen Sektor ("Somos el quinto país más informal").

Das soeben frisch beschlossene Freihandelsabkommen TLC (Tradado libre Comercio) zwischen Perú und den USA soll nun den Weg ebenen dies zu verändern. Wie das TLC allerdings den kleinen Händlern auf der Strasse helfen soll, ist mir nicht wirklich einleuchtend.

Was heißt informell?
60 % des Bruttosozialproduktes schätzt man wird im informellen Sektor erzeugt. Ein großer Teil der Arbeiter und Arbeiterinnen ist nicht in einen formellen Sektor einbezogen, das heißt diese arbeiten ohne jegliche soziale oder arbeitsrechtliche Absicherung. Dies führt zu einem bunten Bild in Lima: x-tausende von so genannten ambulanten Händlern begegnen mir täglich auf der Straße, die einen verkaufen Taschentuchpakete (leider nie wenn ich eins brauche), Zeitungen, Süßigkeiten oder sonstige Utensilien für wenig Geld, zudem gibt es natürlich die klassischen Schuhputzer, Kioskbetreiber etc. Die Liste ist lang. Der Peruaner ist hier sehr einfallsreich, um wenigstens genügend Geld für sein Essen zu verdienen. Für viele der ambulanten Händler bedeutet arbeiten am selben Tag Geld zum essen zu haben oder eben auch nicht.

Es gibt allerdings auch ein grossteil informeller Arbeiten, die über die direkte tägliche Versorgung hinaus geht wie Taxiunternehmen, Handwerker oder andere Arbeiten.

Warum gibt es soviel informelle Arbeit?
Ein offizielles Geschäft anzumelden kostet Geld, Zeit und Nerven. Nicht um sonst gibt es hier den "Beruf" des Tramitador, das sind Menschen die für einen Behördengänge erledigen, die sich Stunden lang mit einer Seelenruhe in eine Warteschlage stellen (sie werden ja auch dafür bezahlt) und die am besten noch eine Kontaktperson in der Behörde sitzen haben. Ohne Kontakte läuft hier nämlich gar nichts. Eine wahre Klüngelwirtschaft.

Das Problem an der Bürokratie ist, dass sie hier willkürlich ist. Und das weiß ich aus eigenen Erfahrung (mein Visum). Es gibt kein Verfahrensablauf der für alle öffentlich ist. Jeder erklärt einem einen Teil des Verfahrens und wenn man dann glaubt man hat es endlich geschafft kommt irgendjemand mit dem Schild: "Neue Spielregel" und "Neuen Kosten". Der Peruaner hat eine eigene Art entwickelt damit um zugehen: stoische Gelassenheit. Aber noch viel größer ist die Vermeidungsstrategie. Ein peruanisches Sprichwort sagt: "No te hagas paltas"(wörtlich: "Mach dir keine Avocados", soll heißen: "Mach dir keine Probleme") und das wenden sie auch im Behördenumgang an. Wenn das Tramite nicht unbedingt notwendig ist, wird es vermieden. Denn keiner weiß, wie teuer, was es kostet und vor allem wie lange es dauern wird.

Der Zeitungsartikel im Comercio macht ebenso diese willkürliche Bürokratie für die fehlende Formalität verantwortlich. Während man in Australien 2 Tage (Platz 1) benötigt um ein Geschäft zu eröffnen, benötigt man in Peru 72 Tage (Platz 184).

Auch Informalität hat ihren Preis
Allerdings ist auch die Informalität nicht umsonst. Die größten Kosten für Informalität sind die Kosten für das Fehlen von Rechten der Betreiber, zum Beispiel von Bodennutzungsrechten. 70% des Landes hat keinen eingetragenen Boden-Eigentümer. Um nicht angezeigt zu werden oder andere Schwierigkeiten zu bekommen, zahlt hier jeder an irgendjemand Geld. Im informellen Sektor findet sich sozusagen noch mal der Staat in klein wieder, mit seinen eigenen informellen Regeln und seinen eigenen Gebühren.

Lima ohne ambulante Händler?
Was wäre Lima ohne sein chaotisches buntes Stadtbild mit all seinen ambulanten Händlern? Ehrlich gesagt, mir würde etwas fehlen. Aber es wäre ein Ausdruck davon, dass alle an dem Reichtum dieses Landes Teil haben, dass es für alle ein Recht auf Arbeit und soziale Absicherung gibt.

Das Land ist reich! In Peru, so hörte ich es auch auf einer Tagung von Javier Diez Canseco, einem bekannten Polit-Soziologen des Landes, müsste keiner Hunger leiden, wäre keine Entwicklungshilfe nötig, wenn Reichtum hier nur ein ganz kleines bisschen gerechter verteilt und der Staat mit einem gerechten Steuersystem nachhelfen würde.

Perspektivenwechsel: Einkaufen auf dem Bio-Markt

Heute auf dem Markt habe ich sehr gelacht, wie peruanisiert ich doch schon bin - zu mindestens beim Einkaufen. Das peruanische einkaufen auf dem Markt weicht nämlich deutlich vom deutschen System an.

In den ersten Wochen habe ich immer gewartet bis man mich bedient hat, mich ab und zu innerlich gefragt warum sich eigentlich immer alle vordrängeln. Aber die ersten Wochen hatte ich natürlich endlos Zeit. Ich kannte ja noch niemanden und das Einkaufen war so ein mit genommes Ritual aus Bonn, dass mir in ein bisschen das Gefühl von Heimat gab.

Als die Zeit knapper wurde habe ich dann irgendwann das System entlarvt. Hier muss man sich sein Recht erkämpfen. Sobald man es geschafft hat in der ersten Reihe zu stehen, nimmt man sich eine Kartoffel, füllt seine Tüte mit den Kartoffeln, die schon mindestens 10 andere Kunden durchwühlt haben und wirft die Tüte auf die Waage mit der direkten und forschen Frage ¿A cuanto están las papas? Und so macht man das dann weiter. Man muss nur aufpassen, dass nicht gleich die Waage wieder besetzt ist, denn hier wird gleichzeitig bedient. Aber jahrelanges Ligretto-Training (Ligretto ist eine Version von MauMau, nur alle spielen gleichzeitig) haben mir einen eindeutigen Vorteil verschafft und ich bin inzwischen auch einem einheimischen Peruaner auf dem Markt gewachsen.

Der stärkere, der lautere gewinnt ist hier leider ein beliebtes System. Ob im Straßenverkehr oder in Diskussionen wer lauter schreit, lauter hupt und sich sein Recht nimmt gewinnt. Manchmal stresst es mich ganz schön, denn eigentlich finde ich unser idyllisches Markt einkaufen deutlich angenehmer, genauso wie die eindeutige Strassenverkehrsregele: rechts vor links und Diskussion in denen man aufzeigen muss um sein Recht auf einen Beitrag zu signalisieren.

Bin ich peruanisiert?
Wie gut ich mich aber an das System am dem Markt adaptiert habe wurde mir dann bei meinen letzten Einkauf dieses Tages bewusst. Ich schielte noch zum bunten Mangold rüber. An dem Stand war auch kaum Betrieb. Also habe ich mir schnell einen Mangold geschnappt, die Bäuerin nach dem Preis gefragt und wir haben Soles gegen die Ware getauscht. Ganz schnell und unkompliziert. Nur, rechts von mir hörte ich plötzlich eine Stimme mit englischen Akzent. „Disculpa, Señorita, falta la educación“. Was wohl mit galt: „Entschuldigung Fräulein, es fehlt an Erziehung“.

Ich fühle mich sofort Seite ertappt und entlarvt, falle direkt in meine Kultur zurück und denke mir: "Hups, da hat sie hat Recht". Auf der anderen Seite denke ich mir: "Liebe Ausländerin das wirst du auch noch lernen, wenn du nicht Stunden warten möchtest".

Und dann wird mir auf einmal bewusst, wie es den Peruaner manchmal gehen muss, wenn ich mit meinem Kulturbild hier ankomme, mit meinen Spielregeln, wie komisch muss ich ihnen gar zu oft erscheinen. Und ist mein Verhalten höflicher und besser, wenn ich warte? Geht es nicht darum das alle die gleichen Spieleregel haben. Auch im Autoverkehr ist für den Peruaner einfach klar, dass das Autos vorfahrt haben, egal um es einen Zebrastreifen gibt oder nicht. Ich empfinde das als Respektlosigkeit. Das gleiche passiert mir in Diskussionen. Wer lauter schreit gewinnt und hat das Wort. Aber was ist denn schon richtig und falsch.

Mein kleiner Perspektivenwechsel hat mir gezeigt, wie schwer es ist eine andere Kultur nicht mit seiner Kultur zu bewerten, diese als Maßstab für alles zu nehmen, sondern es einfach stehen zu lassen. Auf dem Bio-Markt ist es mir offensichtlich geglückt, aber in vielen anderen Dingen steht mir meine Kultur doch häufig im Wege und die Spielregeln scheinen zu unterschiedlich, als könnte man wirklich das gleiche Spiel spielen. Zu einer wirklichen peruanisierung fehlen wohl noch viele Jahre......

Freitag, 22. Juni 2007

Lima Grau

Es ist nun doch Winter geworden und wie man es mir vorhergesagt hat: Es ist schrecklich!!!! Das Bild zeigt echtes Lima-grau , heute morgen 7.30 Nähe Lima Zentrum. Damit ihr auch glaubt das es der Himmel ist, habe ich ein paar Vögel mit aufgenommen. Ich habe jetzt die ersten zwei Wochen unendliches grau hinter mir und es drückt echt auf die Stimmung. Ich finde auch es ist ein sehr eigenes grau, eben ein Lima-grau. Man könnte es sicherlich auf einer offiziellen Farbskaler patentieren lassen.

Einem echten Limeño macht das hingegen nichts aus. Sie finden dieses grau, das sich wie eine beschützende Kappe über die Stadt legt gerade zu perfekt. Viel besser als diese stechende Sonne. Ich hingegen LEIDE!!!! Mein Schokoladenkonsum ist stark angestiegen und bin gerade zu freizügig ganze 2,20 € für eine simple Tafel Schokolade Ritter-Sport Crispy auszugeben.

Aber es ist Freitag. Ich habe das ganze Wochenende und eigentlich brauche ich nur zwei Stunden um aus Lima herauszufahren. Und dann sieht es so aus wie auf dem zweiten Bild (Matucana). Leider nutzt man diese Gelegenheit viel zu selten. Aber es ist gut zu wissen das die Sonne gar nicht so weit entfernt ist.

Donnerstag, 21. Juni 2007

Glückliche Chemie

Weltweit sind etwa 1.400 Wirkstoffe als Pflanzenschutzmittel im Einsatz. Die Folgen für Umwelt, Gewässer und die Gesundheit der Menschen werden gerne verharmlost.

Im Bananananbau in Costa Rica zum Beispiel liegt der Pestizverbrauch mit 40kg/ha zehnmal höher als in Deutschland - darunter mehrere Pestizide des sogenannten "Dreckigen Dutzends"(Quelle Banafair).

Die Art und Weise wie Spritzmittel ausgebracht werden ist noch ein ganz anders Thema. Bauern die Schutzkleidung, Handschuhe oder Mundschutz benutzen habe ich bei meinen Überlandfahrten noch nie gesehen. In der Regel tragen sie Sandalen, kurze Hose und ein T-Shirt. Bei Gesprächen mit den Bauern kommen lachende antworten wie : "No pasa nada, somos acostrumbados al veneno" (Da passiert schon nichts, wir sind an das Gift gewöhnt).

Die Chemieindustrie tut auch hier ihr bestes um die Risiken zu verniedlicht und klein zu machen, auch wenn die gesundheitlichen Folgen inzwischen in vielen Studien nachgewiesen worden sind. Dazu gehören insbesondere bei den Anwendern in Entwicklungsländern: Hautausschläge, Unfruchtbarkeit und Krebs. Vieles ist aber auch noch ungewiss zum Beispiel die Wechselwirkungen zwischen Stoffen. Und wie hoch ist das Risiko für die Verbraucher, die rückstandsbelastetes Obst und Gemüse essen? Was ist mit dem Einsatz unerlaubter Mittel - nur ein Problem in Lateinamerika? Selbst die Pflanzenschutzkontrolle der Bundesländer in Deutschland stellte bei Betriebsinspektionen 2004 fest, dass in rund 4% der kontrollierten Betriebe UNZULÄSSIGE Pestizide eingesetzt wurden.

Für DDT, welches heute unbestritten eines der gefährlichsten Spritzmittel war, wurde in den 70-er Jahren so geworben:

Aber auch heute wird immer noch mit netten Bilder auf den Mauern der Geschäfte für den Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft geworben:


Dieses Schild mit dem glücklichen Bauern und seiner Spritze verspricht "Bessere Produkte für deine Ernte".

Ein wirklich schönes Bild mit Kuh, Lama und Schaf - ganz idylllisch.


Wenn ich das alles so sehe bin ich froh, dass ich im ökologischen Landbau arbeite, der auch ohne Chemiekeule auskommt und dazu beitragen soll die Lebensbedingungen der Bauern zu verbessern. Einer meiner Kollegen hat es bei einer Versammlung mit den Bauern gut formuliert: "Ökolandbau ist für intelligente Menschen wie Euch, denn Ökolandbau arbeitet nicht mit fertigen Paketlösungen". Genau, die Problem-Standard-Paketlösung gibt es nicht - zugegebener Maßen manchmal ist das lästig, aber wenn ich mir die Folgen anschaue, wenn ich die Bauern hier sehe die ohne Schutzkleidung spritzen und nicht nur die Umwelt verschmutzen sondern zu allererst sich selbst eine Schaden zu fügen bin ich davon überzeugt, dass es sich lohnt einen anderen Weg zu suchen. Denn die Kleinbauern und Plantagenarbeiter sind nicht diejenigen die bei 40kh/ha Pestiziden reich werden.

Und noch ein TIPP: Die Werbung auf Mauer ist hier sehr verbreitet. Wer mehr von sprechenden Mauern lesen möchte sei auf Susannes Blog verwiesen.

Samstag, 16. Juni 2007

Vom Glück einen deutschen Pass zu haben

Eigentlich habe ich meinem deutschen Pass noch nie viel Bedeutung geschenkt, ein Stück Papier das man zum reisen braucht. Egal ob ich nach Lateinamerika, USA oder Afrika will ich kann mir ein Ticket kaufen und habe einen sicheren Eintritt in die meisten Länder dieser Welt. Die Zeiten der langfristigen Visumsanträge sind für mich schon lange vorbei. Nicht so für die Peruaner. Hier müssen reisen sorgsam geplant und eine Einladungen des Besuchslandes, Hotelbuchungen etc. sind von nöten. Ein lästiges "Tramite" wie man hier sgat.

Mein Büro ist um die Ecke der israelischen Botschaft, sowie dem Wohnhaus des amerikanischen Botschafters. Dementsprechend gibt es auch eine ganze Menge Polizisten in der Gegend. Vor der Botschaft ist ein kleiner Park (also die Peruaner sagen Park dazu, aber hier heisst alles Park ab drei Bäumen und ein bisschen Rasen) in dem ich mich mittags schon mal ganz gerne mit meinen Empanadas oder sonstigen Köstlichkeiten hinsetzte, um wenigstens eine halbe Stunde etwas Sonne zu tanken.

Inzwischen ist es mir schon mehrfach passiert, dass einer der Polizisten meinen Pass kontrollieren will. Ich setzte sofort ein entnervtes Gesicht auf, frage welches Recht er dazu hat, denn ich würde hier nur essen. Das hilft alles nichts. Widerwillig, aber mit dem Wissen, dass mir der Typ nichts anhaben kann, denn ich bin hier legal, zücke ich meinen Carnet de extranjería (den ich ja unter viel Schweiß und Ärger erstanden habe). Den guckt er sich an fragt, obwohl es fett auf dem Kärtchen steht woher ich komme und will jetzt auch noch meinen deutschen Pass sehen. Ich denke mir er kann froh sein, dass ich überhaupt einen Pass mit habe und ich schnaube zurück, dass das der Ausweis SEINES Landes sei , ich würde hier arbeiten und hätte keine Lust belästigt zu werden. Das rührt natürlich seinen Stolz woraufhin er erstmal wichtig sein Funkhandy zückt und angeblich meine Daten überprüft. Das Spielchen haben wir jetzt schon drei oder viermal gespielt (allerdings immer mit einem anderen Polizisten). Aber mir wird bewusst wie sicher ich mich mit einem Stück Papier fühle und dem Wissen das es eine deutsche Botschaft in Lima gibt in der man mich sogar persönlich kennt.

Aber ich frage mich: Was macht man bloß in Deutschland wenn man keinen Pass hat? Wenn man wie viele Latinos illegal arbeitet, seine Kinder zur Schule schickt und vordergründig ein ganz normales Leben führt, aber wenn jemand ihre Identität prüfen will hat man plötzlich keine Rechte mehr. Ich hingegen habe ein offizielles Visum, eine deutsche Botschaft im Hintergrund, ein "Recht" hier zu arbeiten und nur mit einem Stück Papier das Recht in die meisten Länder der Welt ohne Visum zu reisen. Gerecht ist das mal wieder nicht, nur Glück dessen ich mir hier mal wider bewusst werde!

Samstag, 9. Juni 2007

HERZLICH WILLKOMMEN

Ihr seid herzlich eingeladen auf diesem blog ein paar Geschichten aus meinem peruanischen Alltag, dem Land und seinen Leuten sowie meinen interkulturellen Kommunikationsirritationen zu verfolgen. Schreibt fleißig Kommentare, dann gibt’s bestimmt noch viele, viele Geschichten ....

Freitag, 8. Juni 2007

Mein Besuch im Congreso und wer ist eigentlich Miguel Grau?

7.30 mein Wecker klingelt, um 9.00 Uhr soll ich im Congreso de la República de Perú zu seinem Seminar sein. Ich drehe mich noch mal um und wende gleichzeitig die wichtige Frage: pünktlich oder nicht pünktlich? Das ist hier eine wichtige Frage, wenn mein seine Zeit nicht mit w a r t e n verbringen möchte.

Die Tatsache, dass es sich um den „öffentlichen Dienst“ handelt spricht leider dafür, dass die Veranstaltung mind. eine Stunde später anfängt. Auf der anderen Seite gilt seit dem 1 März "Null Toleranz für Unpünktlichkeit", denn Pünktlichkeit bedeutet - so der Präsident Alan García: "Respekt am Nächsten! Pünktlich ist ein Dienst am Vaterland!". Dies wiederum spricht dafür, dass man im Congreso pünktlich anfängt.

Also gut ich stehe auf, braue mir einen Kaffee zusammen und versuche mir das grau dieses Tages weg zu denken. Es hat heute Nacht sogar geregnet, die Strasse ist nass - Das ist was besonders. Eigentlich regnet es nie, denn ich lebe in einer Wüste.

Der Verkehr der Stadt ist mal wieder unsäglich, der Taxifahrer dafür sehr amüsant, so dass wir über den allgemeinen Teil des "Taxi Talkes" hinauskommen und noch die politischen Schwierigkeiten Perus und die kulturellen Unterschiede zwischen Peru und Deutschland abhandeln können.

9.10 - Ich erreiche den Congreso. O je, jetzt ist da auch noch eine Menschenschlange, natürlich muss man sich vorher mit seinem Ausweis registrieren lassen. Irgendwie schaffe ich es mich an der Schlange vorbei zu mogeln. Jetzt noch durch die Taschenkontrolle. "Oh sie haben einen Computer, da müssen wir die Seriennummer registrieren", lächelt mich der Beamte seelenruhig an. Ich setze sofort mein genervtes Gringa-Gesicht auf und mache dem Herrn verständlich "Bitte schnell“. Funktioniert wie immer, mit grimmigen sich beschwerenden Menschen könne sie nicht umgehen und versuchen sie schnell los zu werden.

9.15 - Ich komme im Saal Miguel Grau des Congresos an, meine Kollegen sind schon da. Sie dachten schon ich würde nicht mehr kommen – 15 Minuten für eine deutsche ist natürlich eine enorme Verspätung. Die Frotzelei können wir dann noch eine dreiviertel Stunde fortsetzen. Das Seminar fängt tatsächlich mit einer Stunde!!! Verspätung an. Die Kollegen verraten mir dann auch ihren Trick, um an der Eingangs-Schlange vorbei zu kommen. Sie haben einfach behauptet sie wären die Vorträger des Seminars. So hat hier jeder seine Strategie und wer keine hat muss halt warten.

Das Seminar fängt an, der Abgeordnete heißt alle willkommen, sendet an 100-tausende von Leuten Felicitaciones (Glückwünsche) zur Organisation der Veranstaltung etc. Während dessen fallen mir erst die Bilder es Admiral Miguel Grau auf. War das nicht der famose Admiral, der in der sagenumwogenden Schlacht von Angamos gegen Chile ermordet wurde? Das muss ich gleich mal in Wikipedia genauer nachschlagen.

Miguel Grau
Miguel Grau Seminario (1834-1879), peruanische Admiral und peruanischer Nationalheld.

Wir befinden uns im Jahre 1879, wo der bis 1884 andauernden Salperterkrieg oder Guerra de Pacífica beginnt. Nach dem Ende der spanischen Kolonialherrschaft in Südamerika zwischen 1810 und 1830 war die Zugehörigkeit der Atacamaregion an der Pazifikküste zwischen den neu gebildeten Staaten Chile 1817, Perú 1827 und Bolivien 1825 umstritten.

Das Interesse an der Region wurde groß, als in den 1860-er Jahren umfangreiche Vorkommen an Nitrat (Salpeter) in der Region gefunden wurden, das wertvoller Rohstoff für die Herstellung von Dünger und Sprengstoff war. Dies führte zu einem Krieg zwischen Chile, Bolivien und Peru.

Und was hatte nun Miguel Grau mit diesem Krieg zu schaffen?
1879 war das Kriegsschiff von Admiral Grau, die Huáscar das letzte größere Kriegsschiff der peruanischen Marine und damit das letzte Hindernis für den Chilenen bei der Erlangung der Seeherrschaft vor der Pazifküste.


Admiral Grau gelang es für längere Zeit die Versorgungslinien mit seiner Huáscar der Chilenen erheblich zu stören, indem sie chilenische Schiffe und Häfen angriff. Es war die letzte Flotte die die Peruaner besaßen. Hierdurch wurde eine Invasion chilenischer Truppen auf peruanisches Territorium verhindert bis zur Seeschlacht von Angamos am 08.
Oktober 1878. Der peruanische Admiral Grau wurde bei dieser Schlacht durch einen Granattreffer getötet. Nach dem Verlust der Huáscar hatten die Peruaner der chilenischen Flotte nichts mehr entgegenzusetzen. Die Chilenen konnten die Invasion plangemäß durchführen. Trotz der Niederlage wurde Miguel Grau zum Nationalhelden erklärt.

Wie ging der Krieg zu Ende?
1883 unterzeichneten Chile und Peru den Vertrag von Ancón. Darin erhielt Chile die peruanische Provinz Tarapacá und dehnte sein Territorium bis nach Tacna aus, welches jedoch knapp 50 Jahre später an Peru zurückgegeben wurde.

1884 kam zwischen Chile und Bolivien der Vertrag von Valparaíso zustande. Darin erhielt Chile die Küstenregion was Bolivien den Zugang zum Pazifik kostete (siehe Karte). Erst 1904 wurde der bis heute gültige Friedens- und Grenzvertrag mit Bolivien unterzeichnet, in dem Bolivien die Zugehörigkeit der Atacamaregion zu Chile bestätigte. Im Gegenzug gewährte Chile Bolivien den zollfreien Zugang zu den Häfen von Arica und Antofagasta und das Versprechen, eine Bahn für Bolivien zu bauen, die die Hauptstadt La Paz mit der Küstenstadt Arica zu verbinden.

Die Geschichte des Krieges muss man kennen um die Befindlichkeiten zwischen Peru, Chile und Bolivien zu verstehen. Die Peruaner haben bis heute eine rege Feindseligkeit mit den Peruanern. Auch das Verhältnis Peru und Bolivien ist dadurch geprägt, da Bolivien den Peruaner vorwirft ihren Bündnispakt gegen Chile nicht ausreichend wahrgenommen zu haben.

Soviel zu Miguel Grau. Die Veranstaltung endet auch eine Stunde zu spät, dass sie nicht noch später endet ist wahrscheinlich dem Umstand zu verdanken, dass der Saal Miguel Grau von einer weiteren Gruppe gemietet wurde.

Ich tapere ins Büro bei fiesem Nieselregel und bin trotz der Verspätung froh den Congreso einmal von innen gesehen zu haben. Nur die Frage wann ich pünktlich sein muss und wann nicht werde ich wohl noch öfter hin und her wenden müssen.