Freitag, 21. März 2008

Karfreitag auf dem Cerro San Cristóbal, Lima

Ein paar Bildereindrücke von einem Ausflug am frühen (6.00) Karfreitag morgen. Die eigentliche Prozession haben wir verpasst oder sie kommt noch das wissen wir nicht so genau. Aber Menschen gab es viele: wache, müde, betrunkene, verschwitzte, lustige, viele, viele junge Menschen, wachsame, geschäftstüchtige, diebische (Susanne haben sie die Kamera entrissen), andine, limeñische....

Die Menschenmenge hin oder zurück zum Cerro San Cristóbal.
Im Hintergrund Lima

Auch die Polizei mit ihren gelben Autos ist schon vor Ort

Die Nacht war wohl lang, jetzt erst noch ein bisschen schlafen

Kerzen verkaufen ist heute ein gutes Geschäft: 4 Stück für 1 Sol

Alte Frau im schwarzen Samtkleid betend vor dem Kreuz


Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Der Menge an Essen nach zu urteilen, die wir auf dem Weg gesehen haben, wird die Feier wohl noch bis Sonntag durchgehen.


Nicht nur für das leibliche Wohl, auch für das Seelenheil wird gesorgt. Mit Glöckchen, Weihrauch und guten Sprüchen wird geheilt. Einige Heiler hatten ein lebendes Gürteltier in einem Kasten ein gesperrt. Leider habe ich keine Ahnung wofür das gut sein soll.


Glücksbringer: Geld, Koffer und anderer Krimskram wird verkauft


Heiligenbilder sind natürlich auch mit von der Partie. Mit eingebauter Glühbirne. Kann also zu Hause in die Steckdose gesteckt werden.


Peruanische Palmzweige mit Christus


Frische Schlangenhäute zum einreiben. Das hat ehrlich gesagt ziemlich gestunken und ob hier das Washingtoner-Artenschutz-Abkommen eingehalten wird ist wohl eher fraglich.


Auf dem Weg vielleicht noch einen Schlüsselanhänger, mit Namen sofort zum mitnehmen?


Zurück in der Innenstadt treffen wir dann noch auf eine Prozession
des Señor de Milagros ("Herr der Wunder")

Und wir beenden unseren morgentlichen Ausflug im altehrwürdigen
Hotel Bolivar - in einer völlig anderen Welt


Besonders bemerkenswert ist die alte Glaskuppel


Zurück in Miraflores (Blick von meinem Balkon)


Ein schöner "Ausflug". Ich liebe diese Menschenansammlungen zwischen Kirchenprozession- und Jahrmarkt-Stimmung. Ich könnte mich Stunden einfach nur hinsetzen und mir die Menschen angucken, die Vielfalt, der Einfallsreichtum, das Improvisieren, das Chaos. Viel lebendiger und authentischer als die ganzen pitucus (Bezeichnung für die affektierte Oberschicht in Lima) in Miraflores und nichts desto trotz kehre ich gerne in mein kleines Luxusreich, dem grünen Stadtviertel von Lima zurück.

Donnerstag, 20. März 2008

„ Das sind ja peruanische Verhältnisse….“

…..habe ich in Deutschland beim Taxifahren ausgerufen.

Wenn man so weit weg von seinem eigenen Land, zudem in einer fremden Kultur verweilt, kommt man gelegentlich schon zu der Ansicht das in Deutschland alles besser funktioniert. In Deutschland angelangt konnte ich mich allerdings dann vom Gegenteil überzeugen bzw. meine leicht verklärte Vorstellung mal wieder etwas zurecht rücken.

Während in Lima Taxi fahren zu meinen alltäglichen Gewohnheiten gehört, da das Taxi fahren immer noch billiger ist als bei uns eine Busfahrt, ist Taxi fahren natürlich in Deutschland purer Luxus und wird nur in besonderen Fällen genutzt. Die Strecke die ich fast täglich für ca. 1,80 EUR zurücklege würde mich in Deutschland locker 20 EUR kosten. Allerdings muss man auch bei der Ausstattung des Autos einige Abstriche machen. Alles was irgendwie noch fährt kann sich hier als Taxi bezeichnen. Und es gibt bestimmte Regeln die man einhalten sollte.

Regel Nr. 1 Der Fahrgast ist für den Weg verantwortlich. Man sollte also nie in ein Taxi steigen ohne nicht einen „Punto de Referencia“ zu haben, wo man eigentlich hin möchte. Das ist als Neueinsteiger in einer Stand natürlich schwer, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt.

Regel Nr. 2 Der Fahrgast hat Kleingeld zu haben oder muss einen Umweg zum wechseln ohne murren in Kauf nehmen. Definitiv besteht kein Recht darauf dass der Taxifahrer auch nur einen einzigen Sol bei sich hat. Also selbst wenn man mit 10 Soles seinen Weg von 5 zahlen möchte, kann das schon mal unmöglich sein.

Und in Deutschland?
Da ist natürlich alles anders, habe ich mir gedacht.

BIO FACH, Nürnberg. Ich nehme abends – nach einem super langen Tag – ein Taxi. Und ich kann es kaum glauben: Der Taxifahrer weiß den Weg nicht. Ich kann nur lachen und sage „Das sind ja peruanische Verhältnisse“. Immerhin gibt es in diesem Taxi ein GPS, das er nach etwas Überzeugungsarbeit auch an macht, denn ich kenne den Weg auch nicht. Ich erkläre dem Fahrer das ich in Peru mit dem Taxifahrer immer einen Festpreis vor der Fahrt verhandele, da ist es mir – außer wenn ich es eilig habe – eigentlich egal ob er den direkten Weg fährt oder einen Umweg, nur in einem deutschen Taxi würde ich schon ganz gerne schnellstmöglich zum Ziel kommen, läuft doch der Taximeter doch bei jedem Meter und jede Minute weiter.

5 Tage später - letzter Tag der BIO FACH, wir – ich und meinen drei peruanischen Kollegen - reisen mit Sack und Pack wieder ab. Das Taxi kommt an und das erste was die Taxifahrerin sagt: „ Ich habe kein Wechselgeld. Ich kann nur mit 20 EUR rausgeben, wenn Sie kein Kleingeld haben muss ich ein anderes Taxi rufen“. Ich muss wieder lachen, übersetze meinen Kollegen was mich so erheitert und muss auch hier ausrufen: „Das sind ja peruanische Verhältnisse“. Aber was mich am meisten erheitert ist die Servicetreue der deutschen Taxifahrerin, wenn sie kein Kleingeld hat sagt man das vorher und bietet ein neues Taxi an. Das wäre einem peruanischen Taxifahrer nie eingefallen und wenn es 10 Minuten mehr kostet um irgendwo Geld zu wechseln, eine Einnahmequelle lehnt man doch nicht ab? Dafür wird sich auf dem Weg schon eine Lösung finden. Und eigentlich ist es ja auch immer so.

Es gibt für alles eine Lösung nur der Deutsche will sie vorher dem Peruaner reicht es auch unterwegs…

Samstag, 1. März 2008

Zwischen den Welten

Ankunft Frankfurt, Deutschland
08. Februar 2008
Nach 24 Stunden Reisezeit endlich angekommen, endlich nach zwei Nachtflügen. Endlich angekommen in meinem Land! Jetzt noch durch die Migration, ich kann mich an der kurzen Schlage für EU-Bürger anstellen, der Beamte guckt nur einmal kurz in den Pass und winkt mich durch. Und schon fange ich an Deutschland mit Peru zu vergleichen: In Peru in der Migration habe ich jedes Mal das unbestimmte Gefühl ich habe ein Formular vergessen und gleich geht die Diskussion um irgendeine Lappalie los.

Weiter geht`s, das Gepäck kommt nach ein bisschen warten. Auf dem Weg zum Fernbahnhof fragt mich eine junge Frau die Kreditkarten verkaufen möchte: „Wohnen Sie in Deutschland?“ Völlig übermüdet kann ich dies mit gutem Gewissen und ein wenig Stolz verneinen, denn mein Wohnsitz ist derzeit Peru und so werde ich auch nicht weiter mit Kreditkarten belästigt. Welch Glück.

Der Zug kommt pünktlich und jemand hilft mir auf Nachfrage mit dem Gepäck welches aus einem Koffer und einer nicht ganz leichten Alukiste besteht. Aus dem ICE betrachte ich die Felder die noch mit Raureif bedeckt sind auch wenn noch alles kahl ist, glitzert es im morgentlichen Sonnenlicht. Ich komme an einem Sonnentag an. Es ist schön anzukommen, alles zu vertraut, so leicht. Am Flughafen und auch in der Bahn habe ich mir vorgestellt wie meine Kollegen wohl Deutschland wahrnehmen wenn sie in einer Woche ankommen. Dieser riesige Flughafen in Frankfurt, der ICE, die Landschaft, die Ruhe auf den Bahnhöfen, die lautlose Bahn, die deutschen die lautlos in die Bahn einsteigen, lauter Geschäftsleute im Anzug die telefonieren – fühlt sich an wie Leben im Wattebausch, alles ein bisschen gedämpft. Und in Peru? Fährt man Bis und wird mit allerlei Arten von Filmen zugemüllt - inhaltlich und geräuschmässig. Keiner beschwert sich über die Lautstärke, keiner schreitet ein wenn die Filme gewalttätig sind und Kinder mit im Bus sitzen. Das empfinde ich so häufig als phlegmatische. Dieses hinnehmen, sich für nichts einsetzten, sich seinem Schicksal hingeben spiegelt sich leider auch in einem Grossteil der Gesellschaft wieder.

Die nächsten zwei Wochen besuche ich Hinz und Hunz, "Pisco Sour" (Nationalgetränk der Peruaner bestehend aus einem Grappa dem eingentlichen Pisco, Limettensaft, Zucker und Eiweiss) mit original peruanischen Zutaten werden getrunken mir werden stolz neu erworbene Häuser, Eigentumswohnungen und Büros sowie Familienzuwächse Kinder und Hunde vorgestellt. Ich sitze im Februar im Biergarten bei fantastischem Sonnenschein, fahre Fahrrad am Rhein entlang, welch großes Glück. Frühlingsgefühl. Glück, Glück. Fahrrad fahren macht glücklich!!!!!!!!!!!!! Die BIO FACH dann noch im Schnelldurchlauf und schon geht es wieder zurück. Am letzten Abend sitzen wir in der Küche und wir fragen uns ob es wahr ist, dass ich morgen früh schon fahre oder ob ich nicht gerade erst angekommen bin? Es ist wie am ersten Tag wir essen gemeinsam und klönen nur das sich in der Zwischenzeit schon wieder fast ein ganzer Monat einfach mal so eben gelebt hat mit begrüßen, verabschieden, ankommen, wegfahren, begegnen, umarmen, los lassen, lachen, reisen, Gesprächen und arbeiten.

Ankunft Lima, Perú
01. März 2008

Nach 24 Stunden-Rückreise komme ich um 2.30 morgens aus dem Flughafen in Lima: 20 Grad, Sommerlüftchen, eine Taxifahrt am Meer entlang nach Hause, Dusche, Bett, schlafen. Morgens aufstehen, Sachen auspacken, 2kg Schokolade im Kühlschrank verstauen, Brötchen holen, das Veedel begrüßt mich hier und da mit einem „Hola señorita, wir dachten schon sie kommen gar nicht wieder, wir haben ihr lachen vermisst“, mit den beiden Praktikantinnen die meine Wohnung gehütet haben erstmal Frühstücken, auf dem Bio-Markt einkaufen, Spaziergang am Meer, Ceviche essen… so rinnt der Tag dahin und es fühlt sich ganz normal an, kein bisschen fremd. Das Leben zwischen den Welten, zwischen den Kulturen macht immer noch Spaß, immer wieder, immer mehr.

Häufig gestellte Fragen

FREQUENTLY ASKED QUESTIONS (FAQ)
IN DEUTSCHLAND


Wie hoch liegt Lima, ist das nicht die höchst gelegene Hauptstadt der Welt?
Nein, Lima liegt 30 Meter über dem Meer. Da dies aber ein verbreiteter Irrglaube ist kann ich mir dies nur so erklären, dass man mit Peru direkt die Anden assoziiert und vielleicht an La Paz den Regierungssitz Boliviens
denkt. Den La Paz liegt tatsächlich auf 4100 m.

Kann man in Peru leben?
Das wurde ich dieses mal sehr häufig gefragt. Erst bin ich immer ein wenig verdutzt und denke JA ganz offensichtlich weil ich lebe da ja seit 1,5 Jahren. Aber dann erinnere ich mich wieder das auch ich vor der Ausreise über diese Stadt so meine Zweifel hatte: Ist die Stadt sicher? Kann ich abends alleine auf die Strasse gehen? Und merke wie sehr ich mich an dieses Leben in der Großstadt gewöhnt habe und wie sicher ich mich hier auch fühle. Ja, man kann in Lima leben, sogar sehr gut, nur auf das Fahrrad fahren muss ich schweren Herzens verzichten, die Stadt ist ein Moloch mit zu vielen Autos, Busse die nie einen TÜV gesehen haben. Dafür hat man ein reiches kulinarisches Angebot, selbst ein Hefe-Weizen kann ich im Wong kaufen und auch das kulturelle Angebot ist groß.

FREQUENTLY ASKED QUESTIONS (FAQ)
IN PERU

Was machst Du denn am Wochenende?
Für einen Peruaner unvorstellbar? Ich bin 10.000 km von zu Hause entfernt, unverheiratet und habe hier auch keine Verwandtschaft? Was macht man dann bloß am Wochenende? Denn die Freizeitaktivität Nr. 1 vieler Peruaner am Wochenende heißt Familienbesuch. Einen Fernseher besitze ich auch nicht.

Und was mache ich? Das was ich in Deutschland auch mache: lesen, Freunde treffen, essen, kochen, schlafen, raus fahren, auf dem Bio Markt einkaufen, am Meer spazieren gehen (das geht in Deutschland leider selten), Museum, Theater, Kino, Konzerte, manchmal auch arbeiten (*snief), genießen.….

Die klassischen Fragen des "Taxi-Talk": Gefällt dir Peru? Warst Du schon in Machu Pichu? Und gleich danach wird nach dem peruanischem Essen gefragt: Hast du schon Ceviche probiert und Pisco Sour getrunken?
Machu Pichu, Ceviche (Ceviche ist das Nationalgericht der Peruaner aus mit Limettensaft übertröpfeltem rohen Fisch mit Chili und viel Zwiebeln gewürzt, als Beilage gibt es Mais und Kamotte (Süßkartoffel) und Pisco Sour sind sozusagen der Nationalstolz. Ehrlich gesagt bin ich heute auch direkt Ceviche essen gegangen, sozusagen der Inbegriff für peruanischen Sommer. Und morgen gibt es das gleich noch mal!! Lecker, lecker, lecker.

Wie viel verdienst Du?
Eine Frage die sich mit einem peruanischem Freund inzwischen zum "running Gag" entwickelt hat. Ich sitze mit einer gemischten deutsch-peruanischen Gruppe am Frühstückstisch, mitten im Gespräch fragt mich Manuel: "Jutta wie viel verdienst Du eigentlich?" Ich bin ehrlich gesagt irritiert denn das ist nun wirklich eine Frage die man in Deutschland nur ganz guten Freunden stellt und schon gar nicht in einer Gruppe. In Peru hin gegen ist dies eine völlig normale Frage und bedarf keines längeren Vertrauensaufbau. Ich habe es natürlich nicht verraten :-). Noch nicht! Vielleicht in 7 Jahren?

Sonntag, 3. Februar 2008

Lima Sonnengelb

Nach Lima-Grau im Juni muss es der Gerechtigkeit halber nun auch ein Lima-Sonnengelb geben. Denn zur Zeit finde ich Lima Klasse - auch wenn ich schon mit Wehmut an den nächsten Winter hier denke. Aber jetzt wird erstmal Lima-Sonne genossen. Hier ein kleiner Einblick:


Der Olivar, ein alter Olivenhain - eine wahre Oase, ruhig und beschaulich und nur 5 Minuten von mir entfernt


Was wäre Lima ohne seine gelben, trötenden Eisverkäufer?


Lima von oben dem St. Cristobal, nicht besonders grün aber heute mit Sonne


Die jährliche Bootsfahrt von Callao aus zu den Seehunden. Schwimmen und Ceviche schmausen. Herrlich!!!!!



Stand-Strand Lima, so wie ich ihn zwar nicht wirklich mag, aber viel, viele, viele Peruaner.



Alltagsleben auf der Strasse
Historisches Stadtzentrum


Und nicht zuletzt ein Sonnenuntergang am Meer vor der Rosa Nautica

Don Pedro wie viel Wasser brauchen ihre Mangobäume?: „ 4 Stunden“

Diese Antwort bekam ich gestern in Piura von einem Mangobauern zu hören auf die Frage ob er weiß wie hoch der Wasserbedarf seiner Mangobäume ist. Auch nach dreimaligen Nachfragen blieb die Antwort: „ 4 Stunden“.

Anlass der Reise war eine Testinspektion und Fortbildung für einen weltweiten Standard für zur sogenannten "Guten fachliche Praxis": GlobalGAP. Diese Norm soll weltweit einen einheitlichen Standard bieten um Risiken im Lebensmittelbereich für die Supermarktketten und damit den Konsumenten zu minimieren. Bei erster Betrachtung dieses Standards fand ich, dass dies doch ein sehr niedriger Standard ist, wo es doch mehr oder minder nur um die Einhaltung von gesetzlichen Standards geht, warum also? Alter Wein in neuen Schläuchen? Heute sehe ich das eher positiv denn hier kontrolliert niemand die gesetzlichen Standards. Niemand interessiert es ob beim Ausbringen von Pestiziden Schutzkleidung getragen wird und damit das Risiko für die Bauern mit Gift in Kontakt zu kommen vermindert wird, ob die Pflanzenschutzmittel ordentlich gelagert oder Restbestände ordentlich entsorgt werden und damit eine Kontamination der Umwelt gering zu halten. Wenn der Standard dazu beitragen kann das hier Bewusstsein und Verhaltenswandel in solchen wichtigen Punkten einsetzt ist schon viel erreicht.

Und für den Öko-Landbau? Ist das nötig? Warum jetzt auch noch dieser Standard? Aber auch hier gibt es positive Ansätze zum Beispiel Kriterien zur Hygiene. Toiletten müssen in reichweite für die Arbeiter aufgestellt werden, die Arbeiter in Higienemassnahmen unterrichtet werden etc. Das sind alles Dinge die in Ländern wie Peru nicht selbstverständlich sind.

Aber die Antwort des Bauers hat mir mal wieder gezeigt wie schwierig es ist mit „einer Sprache“ zu sprechen. So soll doch zur Einhaltung des Standards im Bereich Wassermanagement ein Dokument vorliegen über den Wasserbedarf der Kulturen und ein dokumentierter Bewässerungsplan etc. Der Kleinbauer ist damit meist schon überfordert er rechnet eben nicht in m³ wie das bei uns jeder Bauer kann, sondern in Stunden Bewässerung vorauf er sich auf seine Erfahrung bezieht. Und ist das schlechter? Und so richtig wie es ist einen Standard und gemeinsame Einheiten zu schaffen zeigt mir die Antwort von dem Bauern mal wieder wie weit wir davon entfernt sind und wie viele von diesen klein scheinenden Hürden es für einen weltweiten Standard zu überwinden gibt. Denn zählt man sie alle zusammen wird die Hürde auf einmal für den Kleinbauern in Lateinamerika verdammt hoch.

Preisvergleich "Deutsche Bahn" und "Flieger"

Sehr geehrte Damen und Herren der Deutschen Bahn:

Ich lebe in Peru und komme ungefähr einmal im Jahr nach Deutschland zu Besuch. In der Regel verknüpfe ich das Ganze mit einigen Arbeits- und Freundschaftsbesuchen und nehme für diese Reisen prinzipiell gerne den Zug.

Glücklicherweise bin ich auch vorher schon langjährige Kundinn bei der Deutschen Bahn gewesen. Ich kenne mich also aus im Preisdschungel der Deutschen Bahn, weiß wie man Karten im Vorkauf und im Internet kauft. Der Internetkauf ist für mich eine geniale Sache. Ich vereinbare also bereits frühzeitig Termin um im voraus Karten zu kaufen damit das Bahn fahren nicht so teuer wird.

Preisvergleich "Deutsche Bahn" und "Flieger"
Gestern habe ich dann also Fahrkarten im Internet gekauft von Bonn nach Frankfurt, Nürnberg und Berlin jeweils hin- und zurück, mit Abstechern nach Göttingen und Köln. Sumasumarum hat mich das Ganze 350 EUR gekostet, ohne Frühbucherrabatt der die Karte unumtauschbar machen würde wären es glatte 500 EUR gewesen. Wenn ich jetzt einmal die Kilometer zusammen zähle komme ich auf ungefähr 2700 km, das ist eine ganze Menge. Rechne ich den Preis pro Kilometer macht das mit dem Frühbucherrabatt einen Preis von 0,13 EUR/km ohne Rabatt 0,19 EUR/km. Rechne ich jetzt einmal mein Flugticket Lima-Frankfurt von 810 EUR für 10.700 km dagegen, liege ich bei 0,07 EUR/km, also die Hälfte.

Da ich aber nicht so ohne weiteres fliegen mir bahn fahren vergleichen möchte lege ich jetzt noch die freiwillige C02 – Abgabe von 179 EUR drauf https://www.atmosfair.de - die ich ehrlicherweise nicht bezahlt habe – vielleicht beim nächsten Mal. Dann komme ich auf einen Durchschnittspreis von 0,09 EUR pro km. Jetzt trennen mich nur noch 0,04 EUR vom "Bahnfahren mit Planung". Wäre also der Fahrpreis der Bahn vergleichbar mit dem Flieger würde ich für meine 2700 km nur 243 EUR anstatt 350 EUR zahlen.

Zunächst erschien mir die Summe von 350 EUR für die "paar Strecken" sehr hoch, aber verglichen mit einem Auto schneidet Sie, liebe Deutsche Bahn, gar nicht so schlecht ab wie ich im ersten Moment dachte. Selbst im Vergleich zu einem Flieger.

Weltenbummler-Tarif
Nichts desto trotz hätte ich da einen Wunsch für 2009. Ein Ticket das mir für einen Monat einen Rabatt einräumt, damit ich nicht soviel planen muss und vielleicht auch einfach einmal so in den Zug springen kann: eine Bahnkarte auf Zeit für Weltenbummler.

Vielleicht denken sie ja mal für 2009 für einen Weltenbummler-Tarif nach! Ich würde mich freuen und bestimmt noch eine ganze Reihe andere Menschen die zwischen zwei Welten pendeln ebenso.

Mit freundlichen Grüßen

Jutta Krawinkel

Dienstag, 25. Dezember 2007

Weihnachten in Lima

Mein erstes Weihnachten in Lima. Letztes Jahr bin ich bereits in den Anden gewesen und habe lange vor Mitternacht versucht mit einer Soroche (Höhenkrankheit) zu schlafen.

Dieses Jahr bin ich also noch in Lima. Es sind 25 Grad und strahlender Sonnenschein. Wenn ich ehrlich bin fühlt es sich nicht wie Weihnachten an. Zu Weihnachten gehört Winter, Glühwein, Dunkelheit, vielleicht noch ein bisschen grauer Schneematsch aber definitiv kein strahlend-greller Sonnenhimmel.

Panetone
Vormittags mache ich noch ein paar Erledigungen, mittags in mein Lieblingscafe, wo ich incl. jedem meiner Besuche Stammgast bin. Hier schenken sie mir auch gleich einen kleinen Panetone.

Panetone ist eigentlich ein italienisches Gebäck aber hier gehört hier unter jeden Weihnachtsbaum. Das ist wie bei uns der Christstollen. Auch ich habe dieses Jahr auf der Arbeit auch meinen ersten echten Weihnachtspanetone geschenkt bekommen mit dem ich Stolz durch die Strasse nach Hause gelaufen bin. Die quadratische Pappschachtel-Verpackung ist nämlich so groß, dass diese auf keinen Fall in irgendeinen Rucksack passt.

Betteln hat Hochsaison
Weit komme ich nicht mit dem Panetone aus meinem Liebelingscafé. Betteln hat heute Hochsaison, gerade in meinem reichen Stadtviertel Miraflores. Eine fünfköpfige Kindergruppe kommt mir entgegen und sagen: „Colabórame“ (was so viel heißt wie „Arbeite mit mir zusammen" oder "hilf mir mit") und als ich nicht den Anschein erwecke als würde ich gleich Geld zücken, guckt einer der Kinder meinen Panetone mit großen Augen an. Also gut. Bitte schön! Mit einem freundlichen „Feliz Navidad“ schenke ich ihm meinen Panetone. An den anderen Bettlern laufe ich nun ohne weitere Gaben vorbei. Schon am Morgen kam ich mir echt schlecht vor, bepackt mit zwei wunderschönen Blumensträußen, einer für mich und einer für meine Nachbarn die mich heute Abend eingeladen haben. Wie so ein verwöhntes Gör bin ich an den ganzen Bettlern vorbei gelaufen.

Nachmittags laufe ich dann aber noch schnell bei Lourdes vorbei, der Bettlerin im Rollstuhl der ich immer zwei Zitronenbonbons für 5 Soles am Wochenende „abkaufe“, und schenke ihr einen kleinen Panetone und eine Schokolade. Sie freut sich riesig, auch meiner Obstfrau die mir immer Orangen, Mangos, Ananas, Cherimoyas und mehr verkauft, schenke ich auch einen kleinen Pantone, weil ich mich immer so freue dort vorbei zu laufen, sie zu grüssen und manchmal auch einen kleinen Schwatz zu halten.

Heilig Abend in Königswinter und Lima
Nachmittags habe ich dann in Deutschland angerufen und mit der Internetkamera meine Familie unter dem Weihnachtsbaum singen sehen und hören können. Allerdings habe ich gerade angerufen als die Weihnachtsglocke zur Bescherung klingelten. Die Begeisterung meiner kleinen Neffen hielt sich also in Grenzen mit ihrer Tante aus Lateinamerika zu telefonieren - erste Priorität galt den natürlich den Geschenken.

Abends bin ich dann bei meinen Nachbarn zwei Strassen weiter. Vicky habe ich mal morgens an der Bushaltestelle kennen gelernt, eine Peruanerin, die lange Zeit in Amerika gelebt hat und jetzt wieder hier mit ihrer Familie lebt. Für 21.00 Uhr hat sie mich eingeladen. Mit Mühe und Not schaffe ich es erst um 21.30 zu kommen und bin immer noch die Erste der Gäste. Im Verlauf des Abends trudeln Ihre Geschwister mit Ehemännern und Kindern und diverse Nachbarn ein. Ein wirklich lustiger Haufen. Um Mitternacht wird dann angestoßen und es gibt überall Feuerwerk, ich komme mir jetzt eher vor wie Neujahr. Und dann wird erstmal gegessen, traditionelles Truthahnessen, so um 2.00 Uhr morgens werden Geschenke verteilt und dann falle ich todmüde in mein Bett. Und bei meinem nächsten Wong-Supermarkt Besuch treffe ich jetzt wahrscheinlich noch mehr Nachbarn aus meinem „Veedel“ als zuvor.

Samstag, 1. Dezember 2007

Landbesetzungen in Peru

Bei meinem letzten Besuch in Moyobamba, im Norden Perus habe ich das erste Mal die Problematik der Landbesetzungen und das Dilemma der Landnutzungsrechte im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt bekommen.

In der Region gab es in den 70-er Jahren eine Kampagne die unbesiedelte "Selva alta" (Bergurwald) bewohnbar zu machen. Die Idee war der Bevölkerung aus anderen Regionen neue Perspektiven und ein Stück eigenes Land zu geben. Seit dem sind aus den umliegenden Regionen Cajamarca und San Martin die Menschen eingewandert, haben ein Stück Wald gebrandrodet und dieses bewirtschaftet.

In der Bergurwäldern wird jetzt in vielen Gebieten Kaffee angebaut, in der Ebene großflächig Reis. Die Landschaft hat sich dadurch in der Region in den letzten ca. 40 Jahren mit einer sich verdreifachten Bevölkerung stark verändert.

Ungeordnete Siedlungsnahme wird vom Staat unterstützt
Die Gesetzgebung Perus fördert diese ungeordnete Siedlungsnahme. Land welches unbewohnt ist, wird demjenigen zugesprochen der es besiedelt und bewirtschaftet. Die Folgen sind unnötige Brandrodung um seinen Besitzanspruch zu sichern. Später folgt dann die Dealerei und der Wiederverkauf der Landflächen. Personen die mit Landflächen handeln, nennt man hier „traficantes de tierra“. Traficantes bedeutet Händler oder Dealer und wird eigentlich für Drogendealer „narcotraficantes“ benutzt. Ich denke das Wort Dealer sagt schon sehr gut aus wie diese Flächen wieder verschachert werden und das es eine ganze Menge Menschen gibt die sich diesem System bedienen un daran verdienen.

Shifting-Cultivation / Wanderfeldbau
Dazu kommt die traditionelle Landwirtschaft in der Selva, die zwar ohne Pestizide auskommt, aber nach drei bis fünf Jahren verlassen die Bauern die ausgelaugten Flächen und roden neue Flächen, da der Boden nicht mehr fruchtbar genug ist. Folge dieser so genannten shifting-cultivation (Wanderfeldbau) ist ein hoher Landverbrauch, Wasserverschmutzung durch schlechte landwirtschaftliche Praktiken und Erosion an Hangflächen. Die Selva-Gebiete sind häufig wichtige Wassereinzugsgebiete und werden jetzt durch Landwirtschaft verschmutzt. Auch wenn sich häufig nach verlassen der Flächen ein Sekundärwald wieder „ansiedelt“, zeichnet sich dieser durch lichten Baumbewuchs und starkes Buschwerk aus. Die Artenvielfalt des Primärwaldes wird nicht wieder erreicht.

Interessanterweise ist der Wanderfeldbau einer der ältesten landwirtschaftlichen Nutzungsformen der Erde, nach Schätzungen der FAO leben und wirtschaften heute noch 250 Millionen Menschen nach diesem Agrarsystem.

Neue Kaffee-Bauern in der Selva
Wir haben uns ein Projekt angeschaut wo es um nachhaltige Landwirtschaft in einem Wassereinzugsgebiet geht. Ein Problem ist, dass die neu eingewanderten Bauern in der Regel keine Kaffeebauern sind und wenig Know-How über den Anbau von Kaffee besitzen. In dieser Zone wird der Kaffee häufig direkt im Fluss gewaschen, hierbei werden Alkaloide (zum Beispie Coffein) des Kaffees ins Wasser ausgewaschen und verschmutzen dieses.

Und warum wird Kaffee angebaut und nichts anders? Den Bauern den wir besuchen sagt uns, dass nur der Kaffee eine sichere Einnahmequelle bietet: „Egal ob der Preis für Kaffee hoch oder niedrig ist, für diese Frucht bekommen wir immer Geld von dem wir leben können. Yuca und Mais hingegen bringen nicht viel ein. Da verkaufen wir eine Sack für 5-10 Soles (1,35-2,70 EUR)“.

Landbesetzungen auch in Lima
Auch in Lima wird zur Erschliessung neuer Gebiete Labnd besetzt. Man schließt sich zusammen, besetzt über Nacht Land (in diesem Fall nacktes, karges Land), baut dort erstmal provisorische Hütten, setzt eine peruanisches Fähnchen aufs Dach und dann gehen die Forderungen an die Regierung los: Wasseranschluss, Verkehrsanschluss bis hin zum Grundbucheintrag, der dann auch meist nach ein-zwei Jahren erfolgt. Dann wird ein solides Haus aus Steinen gebaut und das Ganze geht in einem neuen Gebiet von vorne los, denn die Bevölkerung wächst ständig.

Der Staat sieht tatenlos zu, läst sich erpressen und entzieht sich seiner Verantwortung zu planen und für alle einen Ressourcenzugang zu schaffen. Vor den Wahlkämpfen werden diese neuen Siedlungen (pueblos jovenes) gerne auch für den Wahlkampf instrumentalisiert.

Wirtschaftswachstum um jeden Preis?
Es existiert in Peru kein Raumordnungsplan und leider kein Interesse des Staates die Dinge zu regulieren. Jeder sucht seinen Vorteil im System. Schlimmer noch in der letzten Rede des Präsidenten Alan Garcia hat dieser klare Visionen gesteckt: Der Amazonas muss besiedelt werden, die Selva und die Anden alles ungenutztes Land, die Bodenschätze
und auch das Meer müssen ausgebeutet werden. Der Bergbau (Gold, Kuper und andere Bodenschätze) wird allem übergeordnet, auch bereits ausgeschriebenen Naturschutzgebieten.

Alle die nicht seinem Wirtschaftswachstumskurs folgen sind verkappte Kommunisten. „Y es que allí el viejo comunista anticapitalista del siglo XIX se disfrazó de proteccionista en el siglo XX y cambia otra vez de camiseta en el siglo XXI para ser medioambientalista. Pero siempre anticapitalista, contra la inversión, sin explicar cómo, con una agricultura pobre, se podría dar un salto a un mayor desarrollo“. (Und der alte antikapitalistische Kommunist des 19. Jahrhundert hat sich im 20. Jahrhundert als Behüter verkleidet und jetzt wechselt er wieder seine Zugehörigkeit im 21. Jahrhundert als Umweltschützer, immer gegen Investitionen, ohne zu erklären wie man mit einer armen Landwirtschaft einen Sprung zu einer besseren Entwicklung schaffen kann).

Ich halte das für eine schwarz-weiß Malerei um die Gesellschaft zu Spalten für den Fortschritt um jeden Preis. Und die Armen werden bei diesem Entwicklungsmodell wieder den kürzeren ziehen und die Umwelt sowieso. Das Interesse des Individuums geht über das Interesse der Gesellschaft. Wer die Gesellschaft so spaltet wie Alan Garcia es derzeit tut provoziert auf ein neues revolutionäre Kräfte in seinem Land. Und ich dachte man hätte aus der Geschichte des Sendero Luminoso gelernt!?